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Offline im Focus

Ich habe jetzt die ersten 60 Seiten von „Ohne Netz“ gelesen und würde gern ausgiebig davon schwärmen. Aber dann heißt es wieder: „Der Kraushaar will in seinem dubiosen Blog eh nur Werbung für Klett-Cotta-Bücher machen.“ Das stimmt zwar, aber man will ja nicht unsubtil wirken.

Also nur soviel: Nachdem ich Rühle im Stadtcafé in München meinen Leseeindruck geschildert hatte, ärgerte er sich, dass er sich aus Nervosität nur einen Salat mit Scampis bestellt hatte. Er hätte zur Feier des Tages dann doch lieber einen Schweinebraten mit Kartoffelknödeln gegessen.

Die Anbahnung dieses Treffens in München war übrigens eine wirklich analoge Erfahrung, wie man Sie sonst nicht mehr so häufig erlebt. Da Rühle nicht e-mailen darf, kamen die 60 Seiten per Postkutsche, äh, Fahrradboten ins Münchner Hotel, wo ich dann jede einzelne Seite nach dem Lesen, sorgfältig auf einen Stapel gelegt habe. Immer wieder haben ich mir sagen müssen, dass ich den Text nur auf diesen Seiten besitze. Toll – wie in den 1960ern, als alles noch in Ordnung war!

Bevor wir uns trafen, hatte ich noch einen Termin mit dem Kulturchef des Focus. Just in dem Moment als ich zu Rühle aufbrechen wollte, rief Helmut Markwort an. Hastig und nahezu wortlos drückte mir mein Gesprächspartner einen Focus in die Hand und verließ das Büro. Als ich das Heft „durchgelesen“ hatte, und immer noch allein im Büro hockte, dämmerte mir, dass ich deutlich zu spät zu der Verabredung kommen würde. Und ich konnte noch nicht mal anrufen, Rühle hat ja sein Blackberry abgegeben. Also besorgte ich mir die Nummer vom Stadtcafé und versuchte dem verwirrten Kellner zu erklären, dass er dem Herren mit der zottelige Frisur, so Ende dreißig, eher jugendlich gekleidet, doch bitte ausrichten möge, dass sich ein Herr Kraushaar verspäten würde, weil beim Focus die Hütte brennt usw. Doch im Stadtcafé sei gerade kein Herr zottelig und warum ich den Mann nicht einfach auf dem Handy anrufen könnte.

Ohne Netz geht anscheinend manchmal auch die Phantasie offline.

25.01.2010, Tom Kraushaar, Verlegerischer Geschäftsführer

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