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Zahlt mir der Verlag eigentlich die Therapie?

Ich bin bei Klett-Cotta für die Social-Media-Aktivitäten und die Betreuung von Facebook, Twitter & Co. zuständig. Daher ist es für mich eine echte Herausforderung, mit einem Offline-Autoren zusammenzuarbeiten.

Unter anderem bereite ich für unser Programm die digitalen Leseproben auf. Normalerweise schicke ich unseren Autoren einen Link zur Leseprobe per Mail, zusammen mit einer Beschreibung, was man alles damit anstellen kann. Nur, wie soll das bei Alex Rühle funktionieren, der jeglicher digitalen Kommunikation abgeschworen hat?

Alex Rühle in München zu besuchen, um ihn an meinem Laptop (natürlich im Offline-Modus) die Leseprobe zu zeigen, kommt leider nicht in Frage. Aber zum Glück fällt mir noch unser altes Faxgerät ein. Angeblich eine todsichere Methode, in sekundenschnelle Nachrichten zu übermitteln.

Es bleibt mir also keine andere Wahl, als in mühevoller Kleinarbeit von jeder Seite der Leseprobe ein „Screenshot“ zu erstellen. Man kennt das: Bildschirm abfotografieren, in Word einfügen, solange am digitalen Bild rumschneiden bis der gewünschte Ausschnitt groß genug ist, dass man ihn auch lesen kann, sich ärgern, weil man aus Versehen wieder das ganze Bild gelöscht hat und alles noch mal von vorne machen.

Nachdem die Screenshots endlich erstellt sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass es noch umständlicher werden kann. Aber wer kann auch ahnen, dass Faxen eine Wissenschaft für sich ist? Das letzte Mal habe ich vor ungefähr zwei Jahren versucht, ein Faxgerät zu benutzen und auch dieses Mal stehe ich wieder vollkommen ratlos davor. Wie viele Nullen muss ich eigentlich vorwählen? Und was haben diese ganzen blinkenden Knöpfe zu bedeuten?

Es ist mir zu peinlich, meine reizende Kollegin zu fragen, wie unser Faxgerät funktioniert. Daher versuche ich, ohne fremde Hilfe die Screenshots loszufaxen, und zwar so lange, bis das wütende Rückfax eines Unbekannten, dem nun seit Stunden ein anrufendes Faxgerät das Trommelfell malträtiert, mich frustriert aufgeben lässt. Ein Faxgerät, so habe ich mir geschworen, fasse ich nie mehr an und auf die Deutsche Post werde ich jetzt auch nur noch ganz, ganz selten schimpfen. Versprochen!

Nachdem ich letzte Woche die Screenshots der digitalen Leseprobe ausgedruckt und per Post weggeschickt habe, warte ich auf Antwort. Und warte … und warte … und warte. Eigentlich bin ich es gewohnt, innerhalb kürzester Zeit eine Reaktion der Autoren auf meine Leseproben zu bekommen. Voller Ungeduld mache ich also genau das, was man immer macht, wenn man nicht weiter weiß: Man schaut im Internet nach! Aber weder finde ich vom Autor einen Kommentar zur Leseprobe noch einen Tweet. Nicht mal ein winziges bisschen „buzzen“. In solchen Momenten merkt man erst wie abhängig man vom „Netz“ geworden ist und wie unreflektiert so mancher Umgang mit dem Internet sein kann.

Natürlich kann ich vom Autor zum jetzigen Zeitpunkt keinen Hinweis zur Leseprobe finden. Dafür finde ich aber einige Artikel zum Thema Internet-Abhängigkeit. Zum Beispiel einen Bericht über eine Schweizer Studie in der „Facebook-Heavy-Usern“ für einen Monat der Account gesperrt wurde. Die Probanden berichteten von Verlustgefühlen, ähnlich denen, die man bei dem Verlust eines sehr nahen Menschens (wie z.B. der Mutter) empfindet. Und eine Studie von Retrevo behauptet, dass jeder 14. Twitter-User den Sex unterbricht, um seine Tweets zu checken. Twitter als Zigarette danach?

Eine amerikanische Studie der University of Maryland bestätigt sogar, dass der Verzicht auf digitale Medien bei manchen Nutzern ähnliche Symptome zur Folge hat, wie sie sonst bei Alkoholentzug auftreten.

Einen richtigen Schreck bekomme ich aber erst, als ich in einem Artikel lese, dass man die Bezeichnung „Heavy User“ verdient, sobald man sich fünf Mal täglich bei Facebook oder anderen Webdiensten einloggt.

Mein erster Gedanke ist: „Es gibt User, die sich ausloggen?“ Mein Zweiter: „Wer zahlt mir eigentlich die Therapie? Der Verlag?“

In diesem Sinne: Gute Besserung uns allen!

Ihr Johann Meiner, Vertrieb & Marketing

14.05.2010

P.s. Sie sollen es natürlich leichter haben! Einen Blick ins Buch werfen können Sie gleich hier:

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